Der Kampfläufer oder

Die letzten Jagdfreunde

Der Jager-Sepp war ein Vollblutjäger aus Berufung. "Sein" Wald, der ihm gar nicht gehörte, lag ihm sehr am Herzen. Das registrierten die Jagdgenossen sehr wohl und waren zufrieden mit ihm. Dank Revierinhaber Mosch Westhauser bejagte er mit großem Erfolg viele Jahre einen 200 ha Pirschbezirk mit Wildaneignungsrecht. Da war von der Wildgans bis zum Rothirsch alles drin. Seinen gelegentlichen Jagdgästen gönnte er natürlich immer die besten Plätze. Meist wurden sie mit gutem Jagderfolg beschert, was den Sepp natürlich nicht nur freute, sondern ihm auch Bestätigung für seine Kompetenz war.

Nun neigte sich sein Leben auf ein hohes Alter zu. Er spürte, dass seine Kräfte schwanden. Zeit an jagdlichen Ruhestand zu denken. Er fühlte sich verpflichtet, für seinen langjährigen Freund, Revierinhaber Mosch Westhauser, und zum Wohle der Jagdgenossen einen adäquaten möglichen Nachfolger einzuarbeiten. Der erste, Rolf Vosbacher, jagdfachlich durchaus qualifizierf, scheiterte an seiner Faulheit und Unzuverlässigkeit. Den Zweiten, Jäger Med Hochberger, ein viel versprechender „Kampfläufer“ (Calidris pugnax), berief Sepp zum Permanentjagdgast mit Jagderlaubnisschein und der Option, den Pirschbezirk bald übernehmen zu können. Sepp tat alles, damit dieser sich profilieren konnte und lobte ihn beim Revierinhaber hoch. Aber bereits die Bundeswehr hatte ihn schon vor vielen Jahren für untauglich befunden, obwohl körperlich super fit. Sein psychopatischer Geltungsdrang (Schuhgröße 36!), gepaart mit einem ausgewachsenen Zwergen Komplex, könnte in Hinblick auf Jagderfolg aber durchaus nützlich sein. Dem Revierinhaber imponierte sein Austritt aus dem Jägerverein, im Glauben er erfolgte aus jagdpolitischer Überzeugung. Den Austritt vollzog Med allerdings wegen Missachtung seiner Persönlichkeit.

Sepp stellte ihm gerne seine gemietete Jagdhütte, die er wie einen kompletten Haushalt mit allem Drum und Dran ausgestattet hatte, kostenlos zur Mitbenutzung zur Verfügung, denn Jagdgast Med half ihm ja anfangs noch tatkräftig bei Revierarbeiten und nahm auch Wildbret ab. Med zeichnete sich durch besonders überschießendes Engagement aus. Er veränderte selbständig Ansitzeinrichtungen, ohne Sepp zu fragen, Hauptsache sie waren dann für ihn passend. Er installierte mehrere Wildkameras, ohne Sepp darüber zu informieren. Das Ergebnis der Fotos musste ihm Sepp wie Würmer aus der Nase ziehen. Er führte vermehrt unangemeldete jagdliche Einsätze durch, ohne Absprache mit Sepp und fuhr nachts mit dem Auto und Suchscheinwerfer durchs Revier. Im Juni des letzten Jagdjahres empfahl Sepp seinem Jagdgast Med einen besonders Erfolg versprechenden Ansitzplatz. Dieser hatte dann auch Waidmannsheil auf einen kapitalen Rehbock. Jagdfreund Med hielt es jedoch nicht für nötig, die Trophäe vorzuzeigen. Es wäre doch ein Grund zu gemeinsamer Freude und zum Feiern gewesen, insbesondere auch deshalb, weil grundsätzlich keine Tophähengebühr erhoben wurde. Das ihm unbeschränkt zur Verfügung stehende Freibier nutzte er allerdings schon gerne. Mit seiner naturbegeisterten Ehefrau Britta verbrachte er so manch schönes Wochenende auf der Jagdhütte. Rücksichtsvoll räumte Sepp hierfür am Wochenende sogar öfters das Feld für ein ungestörtes tät a tät. So gerne der tolerante Sepp von Großzügigkeit und Gönnertum beseelt war, musste er den fragwürdigen Eifer seines Jagdpartners dann doch letztendlich in geordnete Bahnen lenken. Da stutzte der Jagdfreund ungläubig. Typisch für einen Psychopaten hatte er wohl immer Schwierigkeiten etwas zu begreifen oder anzunehmen oder sich einzufügen. Deshalb erstellte Sepp zur Kanalisierung der Jagdherrenmanieren seines Jagdgastes in Absprache mit ihm und dem Revierinhaber einen schriftlichen Bejagungsplan für das kommende Jagdjahr für seinen Pirschbezirk. Außerdem erinnerte Sepp ihn daran, dass er selbst ja auch noch zur Jagd ginge und schon deshalb eine Absprache jeglicher jagdlichen Einsätze unerlässlich sei. Da ging nicht nur der Bierumsatz zurück, sondern auch seine Einsatzbereitschaft Kanzeln und Hochsitze in Stand zu halten. Die erste Kanzel fiel dann bereits Mitte September um. Dafür fokussierte Med seine Schmeicheleien und Geschenke nunmehr auf den Revierinhaber, was bei diesem offensichtlich sehr gut ankam. Diese hinterfotzige Strategie führte Med zum „Erfolg“. Bezüglich Sepp schwenkte er auf Konfrontation, Dankbarkeit Fehlanzeige! Und offensichtlich war er nicht geneigt sich „kampflos“ ins gemachte Nest zu setzen. Nun konnte er den Seppl-Bejagungsplan seelenruhig ignorieren. Mit Rückendeckung des Verräters Mosch war ihm Narrenfreiheit sicher, was er auch nutzte. Die Folge waren verpasste Jagdgelegenheiten auf Reh- und Rotwild, denn er erschien nur noch zur Jagd, wenn er gerade mal Zeit und Lust dazu hatte, und nicht wenn es am nötigsten oder erfolgversprechendsten war. Sepp schoss halt indessen drei kapitale Hirsche, die gerne auch Jagdfreund Med gebührenfrei als Anerkennung für seine Mitarbeit hätte schießen können. Das brachte diesen aber vor Jagdneid erst recht zur Weißglut. Verbotene Ansitzplätze, z.B. eine wegen Baufälligkeit von Sepp gesperrte Kanzel, die dann auch noch umfiel, nutzte er geradezu bevorzugt und so verbissen, dass sich dort kein Wild mehr blicken ließ. Mangelnder Jagderfolg war die Folge.

Nachdem Sepp merkte, was da hinter seinem Rücken für eine Intrige ablief und er die Faxen dicke hatte, beschloss er Ende September die Reißleine zu ziehen und seinem alten Jagdfreund Mosch Westhauser, dem Revierinhaber, nun seinen Pensionierungswunsch zum Jagdjahresende zu übermitteln. Eigentlich ein ganz normaler Rückzug mit Anstand. Anstand war aber offensichtlich nicht die Stärke von Verräter und Intrigant.

Nun war die Frage, was wird aus den mobilen Reviereinrichtungen die Sepp gehörten, und was wird aus der Wohnungseinrichtung im Jagdhaus? Vom Staubsauger über Geschirr, Toaster, Wasserkocher, Kühlkombination, Fernseher, Möbel, umfangreiche Werkzeuge, Material zum Hochsitzbau und vieles mehr hat Sepp dem möglichen Nachfolger Jagdfreund Med für lächerliche 1500 Euro zur Übernahme angeboten. Als Dreingabe wäre ihm noch die Kundenliste von mehr als 30 Wildbret Abnehmern sicher gewesen, sowie eine Telefonliste von Jagdgenossen und Jagdnachbarn. Dieser schlug jedoch das Angebot aus, denn er habe ja schon alles. Darüber hinaus verstieg er sich zu Behauptungen, die verdrehter nicht sein konnten. Seine Vorwürfe, er sei nicht ausreichend respektiert worden, Sepp habe sich nur noch schriftlich mit ihm auseinandergesetzt und im Übrigen kündige er die Freundschaft. Gleichwohl nutzte er die Jagdhauswohnung von Sepp weiter als sei es seine. Eine Frechheit sondergleichen. Das ging dem Sepp dann doch über die Hutschnur. Er warf den an Unverschämtheit nicht mehr zu überbietenden Jagdgast hinaus. Nachdem auch der Hausbesitzer und Revierinhaber nichts übernehmen wollte, nicht mal geschenkt, hat Sepp die Jagdeinrichtungen und die Wohnungseinrichtung anderweitig verschenkt und den Rest entsorgt.

Das waren die letzten „Jagdfreunde“ vom wohl zu gutmütigen naiven Jager-Sepp. Er war froh und geradezu erleichtert, dass er mit solch dummen und charakterlosen Profilneurotikern nun nichts mehr zu tun hatte. Sie "arbeiten" jetzt weiter zusammen. Beide „Jagdfreunde“ haben eines gemeinsam: Sie sind mit ihren Nachbarn zerstritten.

Das war der Kurzroman „Der Kampfläufer“ oder „Die letzten Jagdfreunde“. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen oder tatsächlichen Begebenheiten sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.