Rehwildjagd im Allgäu

1978 bestand ich auf Anhieb die Jägerprüfung, im Gegensatz zu den übrigen 18 Bewerbern. Sehr hilfreich hierzu war mir das praktische Jahr bei dem Oberallgäuer Berufsjäger Fritz Mühlegg aus Burgberg im Revier Untermeiselstein und natürlich meine Vorbildung (Biologie immer Note 1) und als siegreicher Sportschütze von Jugend an, sowie später als Scharfschütze der Bundeswehr. Die Jägerprüfung alleine genügte mir allerdings nicht. Ich bildete mich nicht nur auf allen möglichen Lehrgängen fort, sondern auch durch autodidaktisches Studium der einschlägigen Fachliteratur. Zusammen mit meiner nunmehr 40jährigen praktischen Erfahrung und einer Strecke von über 1000 Stück Schalenwild, kann ich bezüglich der Jagd auf Rehwild im Allgäu schon ein paar Erkenntnisse zum Besten geben:

Rehwild ist ein Fluchttier, das seit Hunderttausenden von Jahren auf Feindvermeidung trainiert ist. Es merkt deshalb sehr schnell, wenn es von wem, wann und wo verfolgt wird. Übertreibt man den Jagddruck, hat das zur Folge, dass man es nicht mehr sieht und nicht mehr kriegt. Beim Abfährten und am Verbiss stellt man aber fest, dass es in genügender Anzahl vorhanden ist.

Meine Empfehlungen für eine erfolgreiche Rehwildjagd sind:

  • Intervalljagd, dann aber mehrstündige Ansitze mit Ausdauer
  • Die schwankenden Aktivitätszeiten des Rehwildes zur besonders intensiven Jagd nutzen, wenn sie am meisten sichtbar sind. 1. Mai bis Mitte Juni wäre da schon mal günstig. Allerdings sollte man bei Kälteeinbrüchen und aufkommendem Sturm (stark fallendes Barometer!) das Jagen besser sein lassen, denn da bleiben Rehe lieber im Einstand.
  • So wie der Landwirt auf günstige Witterung für den ersten Schnitt wartet, dann aber mit allen zur Verfügung stehenden Kräften versucht eine gute Ernte einzufahren, so sollte auch der Jäger das Ohr am Puls der Natur haben und sich darauf einstellen. Der Jagderfolg bleibt dürftig, wenn der Jäger nur dann jagd, wenn ER Zeit oder Lust hat. Bedenke, jeder erfolglose Jagdgang bedeutet für das Wild eine Störung, was es heimlicher macht.
  • Sobald ab Mitte Juni die Bremen zu stechen beginnen, bleiben Rehe gerne faul im kühlen Einstand. Der Jagderfolg sinkt. Dann heißt es besser Jagdruhe zu halten, oder noch Morgenstunden nutzen. Denn besonders die führenden Geißen sind sehr empfindliche Beobachter und reagieren auf jede Störung. Sie strecken dann im September keinen „Grind mehr raus“.
  • Die Jagdpause von gut zwei Sommermonaten macht die Rehe wieder vertrauter und sie kommen deshalb im September vermehrt in Anblick.
  • Mit Aufgang der Jagd auf Geiß und Kitz ab 1. September heißt es dann wieder keinen Tag zu versäumen und mit Volldampf und allen zur Verfügung stehenden Kräften auf die Jagd zu gehen. Wer da lieber in Urlaub fährt oder wochenlang Fensterläden streicht kann gleich ganz zuhause bleiben, denn er hat nicht begriffen, was er jagdlich versäumt und welche Verantwortung er als Jäger hat.
  • Jedes anständig zu erlegende Reh kann bedenkenlos erlegt werden. Am besten gleich Geiß mit Kitze, und wenn nach einer Stunde noch ein Bock vorbei schaut, diesen auch noch mitnehmen (Zeugenvermeidungsprogramm).
  • Mit wenigen jagdlichen Einsätzen möglichst viele Rehe zu erlegen ist nicht nur ökonomisch am effektiefsten, sondern minimiert auch die Wildbeunruhigung.
  • Ab Mitte September beginnen die Viehscheide. Das heißt, die letzte Waldwiese wird mit Jungvieh bestückt oder fein duftend gedüngt. Auch die immer schneller kürzer werdenden Tage lassen den Jagderfolg schwinden, weil dann auf der wenigen bejagbaren Restfläche Rehe erst bei Dunkelheit austreten. Also die Jagd mangels Erfolgsaussicht besser einstellen oder gelegentlich weiter tagsüber im Wald jagen, besonders da, wo der Verbiss am höchsten ist (Schwerpunktbejagung!).
  • Wer es nicht schafft, den größten Teil der Strecke bis 15.9. einzubringen, der hat schon verloren. Denn auf Winterschnee zu warten wird immer öfters zum Lotteriespiel. „An der Kirrung werde ich sie dann schon noch kriegen“, meinen manche faulen Jäger. Denkste, wenn`s nicht rechtzeitig schneit!
  • Die wenigen günstigen Jagdtage im Oktober und November sind an einer Hand zu zählen. Dann aber Rehe jagen und nicht bei schönstem Wetter Enten!!!
  • Ab November das Rehwild an ausgesuchten ruhigen Plätzen mit genügend Schussfeld und witterungssicheren Ansitzmöglichkeiten ankirren. Wegen der Herbstdüngung Absprache mit den jeweiligen Landwirten halten, sonst ist mit einem Schlag alle Mühe umsonst.
  • Das Kirrmaterial sollte aus durchgegorenem Apfeltrester oder Grassilage mit Apfeltrester Zumischung + etwas Maismehl bestehen. Beschickung der Kirrungen mindestens einmal pro Woche, bei nasser Witterung öfters, aber nur kleine Mengen. Ohne Kirrung ist im Winter kein nennenswerter Jagderfolg auf Geißen und Kitze möglich und somit auch keine Wildbestandsregulierung zu erreichen, auch nicht mit sinnlosen Alibidrückjagden.
  • Ich empfehle pro 100 ha Jagdfläche ein bis zwei Kirrungen.
  • Sobald sich Schneelage einstellt und die Kirrungen gut angenommen sind, mit allen zur Verfügung stehenden Kräften noch mal versuchen zu ernten, was die Natur im Überfluss bietet. Und selbst bei drei erlegten Rehen pro Ansitz mindestens noch eine Stunde sitzen bleiben, da oft noch weitere Überraschungen folgen.
  • Die Befürchtung mancher Zauderer, die glauben man könne das Rehwild durch zu intensive Bejagung ausrotten, hat sich als irrig erwiesen. Meine konstant hohen Streckenergebnisse über Jahrzehnte sind der Beweis.
  • Mit einer jährlichen Rehwildstrecke von 10 Rehen pro 100 ha bei 30% Waldanteil in Höhenlagen zwischen 800 und 900 m üM ist in jedem Allgäuer Revier ohne Zufütterung eine nachhaltige Nutzung möglich.
  • Einsatzfreudige Jäger und die richtige Strategie sind das Erfolgsrezept.

Reiner Gubitz, Jäger, Januar 2019