Rehwildjagd im Allgäu

aus Sicht ökonomischer und wildtiergerechter Jagdausübung unter Ausklammerung
der geltenden Rechtslage

1979 bestand ich auf Anhieb die Jägerprüfung, im Gegensatz zu den übrigen 18 Bewerbern. Die Schießprüfung auf Bock und Fuchs bestand ich mit 99 Ringen. Sehr hilfreich hierzu war mir das praktische Jahr bei dem Oberallgäuer Berufsjäger Fritz Mühlegg aus Burgberg im Revier Untermeiselstein und natürlich meine Vorbildung (Biologie immer Note 1) und als siegreicher Sportschütze von Jugend an, sowie als Feldjägerstabsdienstsoldat und später auch als Scharfschütze der Bundeswehr.   Die Jägerprüfung alleine genügte mir allerdings nicht. Ich bildete mich nicht nur auf allen möglichen Lehrgängen fort, sondern auch durch autodidaktisches Studium der einschlägigen Fachliteratur, was mich zusammen letztendlich in vielen jagdlichen Sparten zum amtlich bestätigten Lehrgangsleiter qualifizierte. Zusammen mit meiner nunmehr über 40jährigen praktischen Erfahrung und einer Strecke von weit mehr als 1000 Stück Schalenwild, kann ich bezüglich der Jagd vor allem auf Rehwild im Allgäu schon ein paar Erkenntnisse zum Besten geben:

Rehwild ist ein Fluchttier, das seit Hunderttausenden von Jahren auf Feindvermeidung trainiert ist. Es merkt deshalb sehr schnell, wenn es von wem, wann und wo verfolgt wird. Übertreibt man den Jagddruck, hat das zur Folge, dass man es nicht mehr sieht und nicht mehr kriegt. Beim Abfährten und am Verbiss stellt man aber überraschender Weise fest, dass es selbst nach schneereichen Wintern und sogar in hohen Berglagen ohne Fütterung in genügender Anzahl vorhanden ist.

Meine Empfehlungen für eine zielgerichtete Rehwildjagd sind deshalb:

  •  Intervalljagd, dann aber mehrstündige Ansitze mit Ausdauer.
  • Die schwankenden Aktivitätszeiten des Rehwildes zur besonders intensiven Jagd nutzen, wenn sie am meisten sichtbar sind. 1. Mai bis Mitte Juni wäre da schon mal günstig. Allerdings sollte man bei Kälteeinbrüchen und aufkommendem Sturm (stark fallendes Barometer!) das Jagen besser sein lassen, denn da bleiben Rehe lieber im Einstand.
  • So wie der Landwirt auf günstige Witterung für den ersten Schnitt wartet, dann aber mit allen zur Verfügung stehenden Kräften versucht eine gute Ernte einzufahren, so sollte auch der Jäger das Ohr am Puls der Natur haben und sich darauf einstellen. Der Jagderfolg bleibt dürftig, wenn der Wochenendjäger nur dann jagd, wenn ER Zeit oder Lust hat. Außerdem bedeutet jeder erfolglose Jagdgang für das Wild eine Störung, das es noch heimlicher macht.
  • Sobald ab Mitte Juni die Bremen zu stechen beginnen, bleiben Rehe gerne faul im kühlen Einstand. Der Jagderfolg sinkt. Dann heißt es besser Jagdruhe zu halten, oder noch Morgenstunden nutzen. Denn besonders die führenden Geißen sind sehr empfindliche Beobachter und reagieren auf jede Störung. Sie strecken dann im September keinen „Grind mehr raus“.
  • Die Jagdpause von gut zwei Sommermonaten macht die Rehe wieder vertrauter und sie kommen deshalb im September vermehrt in Anblick.
  • Mit Aufgang der Jagd auf Geiß und Kitz ab 1. September heißt es dann wieder keinen Tag zu versäumen und mit Volldampf und allen zur Verfügung stehenden Kräften auf die Jagd zu gehen. Wer da lieber in Urlaub fährt oder wochenlang Fensterläden streicht kann gleich ganz zuhause bleiben, denn er hat nicht begriffen, was er jagdlich versäumt und welche Verantwortung er als Jäger hat.
  • Jedes anständig zu erlegende Reh kann bedenkenlos erlegt werden. Am besten gleich Kitze mit Geiß, und wenn nach einer Stunde noch ein Bock vorbei schaut, diesen auch noch mitnehmen (Zeugenvermeidungsprogramm).
  • Mit wenigen jagdlichen Einsätzen möglichst viele Rehe zu erlegen ist nicht nur ökonomisch am effektiefsten, sondern minimiert auch die Wildbeunruhigung.
  • Ab Mitte September beginnen die Viehscheide. Das heißt, die letzte Waldwiese wird mit Jungvieh bestückt oder fein duftend gedüngt. Auch die immer schneller kürzer werdenden Tage lassen den Jagderfolg schwinden, weil dann auf der wenigen bejagbaren  Restfläche Rehe erst bei Dunkelheit austreten. Also die Jagd mangels Erfolgsaussicht besser einstellen oder gelegentlich weiter tagsüber im Wald jagen, besonders da, wo der Verbiss am höchsten ist (Schwerpunktbejagung!).
  • Wer es nicht schafft, den größten Teil der Strecke bis 15.9. einzubringen, der hat schon verloren. Denn auf Winterschnee zu warten wird immer öfters zum Lotteriespiel. „An der Kirrung werde ich sie dann schon noch kriegen“, meinen manche faulen Jäger. Denkste, wenn`s nicht rechtzeitig schneit, das Kirrmaterial nichts taugt, oder der Kirrplatz nicht optimal gewählt wurde!
  • Die wenigen günstigen Jagdtage im Oktober und November auf Rehwild sind  zu nutzen und nicht bei schönstem Wetter Enten jagen!!!
  • Ab November das Rehwild an ausgesuchten ruhigen Plätzen mit genügend Schussfeld und witterungssicheren Ansitzmöglichkeiten ankirren. Aber wegen der Herbstdüngung vorher Absprache mit den jeweiligen Landwirten halten, sonst ist mit einem Schlag alle Mühe umsonst.
  • Das Kirrmaterial sollte aus durchgegorenem Apfeltrester (am besten vom Vorjahr) oder Grassilage mit Apfeltrester Zumischung + etwas Maismehl bestehen. Besonders bewährt hat sich AFS. Beschickung der Kirrungen mindestens einmal pro Woche, bei nasser Witterung öfters, aber nur kleine Mengen.  Hat man den September verpennt, ist ohne Kirrung im Winter kein nennenswerter Jagderfolg mehr auf Geißen und Kitze möglich und somit auch keine Wildbestandsregulierung zu erreichen, auch nicht mit sinnlosen Alibidrückjagden.
  • Ich empfehle pro 100 ha Jagdfläche mit ausreichend Einständen eine Kirrung.
  • Sobald sich Schneelage einstellt und die Kirrungen gut angenommen sind, mit allen zur Verfügung stehenden Kräften in kurzer Zeit noch mal versuchen zu ernten, was die Natur im Überfluss bietet. Und selbst bei drei erlegten Rehen pro Ansitz noch eine Stunde sitzen bleiben, da oft noch weitere Überraschungen folgen.
  • Die Befürchtungen mancher Zauderer, die glauben man könne das Rehwild in einem Revier durch zu intensive Bejagung ausrotten, haben sich als irrig erwiesen. *(aktualisierter Nachtrag unten). Meine konstant hohen Streckenergebnisse über Jahrzehnte sind der Beweis. Wie schon aus der Fachliteratur bekannt, ist ein Revier eher leer gepirscht oder leer gesessen als leer geschossen.
  • Mit einer jährlichen Rehwildstrecke von 10 Rehen pro 100 ha bei 30% Waldanteil in Höhenlagen zwischen 800 und 900 m üM ist meiner Erfahrung nach in jedem Allgäuer Revier ohne Zufütterung eine nachhaltige Nutzung möglich.
  • Einsatzfreudige Jäger UND die richtige Strategie sind das Erfolgsrezept. Für  unwillige Sonntagsjäger und unfähige Bauernjagdleiter, die nichts kapieren und nicht bereit sind dazu zu lernen, bleibt „Jagdstrategie“ allerdings ein Fremdwort. Mangelnder Jagderfolg trotz ansteigender Wildbestände ist dann die Folge.

Waidmannsheil

2020 Zitat Bruno Hespeler: „Man kann nicht in einem See ein Loch schöpfen, das fortan wasserfrei bleibt.“

Dezember 2018